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12. Mai, 2020 | Innenwelten und das Leben drumrum | 0 Kommentare

Wir fühlen uns sprachlos. Nicht, weil wir nichts zu sagen hätten.
Sondern weil die – verdrehten, absurden, haltlosen, aber leider etablierten  – Behauptungen der „Falsche Erinnerungen Theorie“ uns die Grundlage unserer Sprachfähigkeit nehmen.

(Wer sich noch nicht mit dem „Fantasie Modell/ Falsche Erinnerungen“ beschäftigt hat, findet unten Literatur bzw. weiterführende Quellen.)

Durch die Behauptung, wir könnten uns die Gewalt womöglich unbewusst ausdenken, ohne das selbst zu merken (so genannte „Autosuggestion“), verlieren wir die Hoheit über unsere Aussagen.

Als Opfer eines Verbrechens, das naturgemäß keine Zeugen, nur Täter*innen und Mitwisser*innen hat, ist man ohnehin ziemlich machtlos.
Ich kann nur hier stehen und sagen: „Das ist mir passiert!“
Es liegt beim Gegenüber, ob es mir glaubt, oder eben nicht. In diesem Fall wird aber zumindest davon ausgegangen, dass die*r Betroffene selbst weiß, was passiert ist. Es gibt also eine Wahrheit.

Mit den Behauptungen der False Memory Theory wird uns sogar dieser eigene, letzte Bereich, abgesprochen. Die Fähigkeit, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden.

Das ist ungefähr 1000 Mal schlimmer. Einer Person nicht zu glauben – also zu unterstellen, sie würde lügen – ist etwas aggressives und meist ein offener Bruch. Jetzt aber muss ein Gegenüber sich nicht einmal mehr offen zu seiner Absage an das Opfer bekennen – denn das Gegenüber sieht das Opfer nun einfach als Opfer einer psychischen „Verwirrung“ und kann es vor diesem Hintergrund „bemitleiden“. Bloß die Gewalt, die wurde weggedichtet. Egal, wie sehr die*r Betroffene die Wahrheit verteidigt, es wird als umso stärkere „Verwirrung“ interpretiert. Umso verzweifelter/ emotionaler sie*r reagiert, umso größer die „psychische Labilität“ und damit „Anfälligkeit für Fremdsuggestion“. Sobald man durch diese Brille gesehen wird, kann man selbst nichts – nichts – mehr tun, um da raus zu kommen.

In der Aussagepsychologie (im Gegensatz zur klinischen Psychologie) gelten schwere Traumafolgestörungen nicht als Indiz für ein stattgefundenes Trauma, sondern als Indiz für mangelnde Aussagetüchtigkeit.

Es macht mich wirklich fassungslos, wie etabliert diese Theorien, die von Angeklagten und ihren Anwälten erfunden wurden, heute noch sind. Obwohl sie jeder Logik entbehren. Wissenschaftlich unhaltbar sind.

Doch sehen wir das nicht an vielen Stellen in der Gesellschaft? Wenn ein System nur etabliert genug ist, ist es sehr träge und kritikresistent und allein mit Logik und Argumenten kaum mehr änderbar.

Man kommt nicht aus einer Gewaltsituation in eine Gesellschaft, die einen auffängt und in der man sich von der erlittenen Gewalt erholen könnte. Man kommt in einer Gesellschaft, die ganz ähnliche Strukturen hat. Die diese Gewaltformen mit ermöglicht und in der subtile Gewalt nicht einmal als solche erkannt wird.

Wir hatten noch nie die Situation, dass jemand in einer „neutralen Position“ uns die Gewalterfahrungen nicht geglaubt hat. Menschen, die mich kennen, wissen, dass ich insgesamt ehrlich bin und kritisch/ reflektiert mit mir umgehe. Unsere engen Freunde und Helfer bekamen den Prozess der Auseinandersetzung mit. Für sie ist es gar keine Frage des „Glaubens“ – sie erleben ja selbst die Auswirkungen und Folgen der Gewalt, aber auch die durchgängige Konsistenz und Logik der Gewaltfolgen. Es gibt in unserem Fall mehrere Zeugen und Beweise, die jedem Laien sofort ausreichen. Juristisch alles wenig wert?

Die einzigen, die mir „falsche Erinnerungen“ unterstellten, waren die Täter*innen und teilweise deren nahes Umfeld. Also Menschen mit klarem Interesse daran. Und nun: die Justiz mit ihrer Praxis von Glaubhaftigkeitsbegutachtungen nach aussagepsychologischen Kriterien.

Wir merken, dass uns das immer mehr zerreißt: der Wunsch, Öffentllichkeitsarbeit zu machen, einerseits, und die Ohnmachtserfahrung im Jahre andauernden Strafverfahrensprozess.

Kann man sich in die Öffentlichkeit stellen und sagen: „Ich habe Gewalt erfahren“ oder „Wir haben so viel Gewalt erfahren, dass wir Viele geworden sind“, wenn einem ein Gutachten fehlende Aussagetüchtigkeit unterstellt hat?

Wie viele Betroffene gibt es, die diese Erfahrung der erneuten Demütigung mit sich tragen und genau deshalb auch nicht mehr öffentlich werden und auch in der Gruppe von Betroffenen, die öffentlich wahrnehmbar sind, unsichtbar bleiben?

Ein Gutachten liegt noch in der Zukunft. Die Wut möchte über all diese Dinge berichten, möchte sich die Stimme erstrecht nicht nehmen lassen.

Die Angst und die Scham wollen diesen Blog löschen, sich verkriechen und nie wieder sichtbar sein.

Und ich schwanke hin und her. Bin sprachlos.

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