Ich bin Goth! Oder: der Klischee-Multi

4. Apr, 2019 | Innenwelten und das Leben drumrum | 4 Kommentare

Wäre ich „normal“, wäre ich vielleicht ein Goth. Schon seit meiner Jugend mag ich dunkle Kleidung, Gothic als Ausdrucksform, Gothic Musik mit ihren emotionalen Texten, Dark Music usw… der „depressive Touch“ zog mich vermutlich damals schon an, weil da eine Welt war, eine „Szene“, in der es erlaubt war, „dunkle“ Emotionen zu haben. Etwas, das wir in unserem Alltagsleben nie durften (bis uns die Täter endgültig für unbrauchbar erklärten und das änderten). Als Mensch mit „normaler“ Biografie würde ich vielleicht auf Gothic Festivals fahren oder Freunde mit ähnlicher Einstellung haben. Why not?
Aber ich bin eine „Alltagspersönlichkeit“ im System eines Menschen mit Dissoziativer Identitätsstörung. Oder auch: Wir sind multipel. Das bedeutet zwangsläufig, dass man keinen „Lebensstil“ durchziehen kann. Als ich als Jugendliche noch keinen Plan davon hatte, dass meine „komischen Zustände“ in Wirklichkeit andere Persönlichkeiten im selben Körper sind, war es für mich ziemlich furchtbar, mein Identitätsgefühl nicht wirklich ausdrücken zu können. Ich war immer nur „wandelbar“. Ich fühlte mich aber gar nicht so wandelbar. Ich fühlte mich sogar oft gar nicht. Zu merken, was mir im Außen gefällt, welche Musik in mir Resonanz auslöst, in welcher Kleidung ich mich etwas mehr als „ich“ fühle, half (und hilft) mir dabei, mich zu spüren.

Bis heute finde ich es schwierig, dass das so gar nicht möglich ist. Ich werde nie ein „echter Goth“ sein können, denn ich wäre es dann wenige Stunden in der Woche (aus Sicht von anderen). Ich werde nie als „nur ich“ Freunde haben und Festivals sind nicht unsere Welt, zu viele Trigger.

Seit wir „geoutete Multis“ sind 😉 kam aber noch etwas dazu: Viele Leute, vor allem Therapeuten, fragen einen grundsätzlich als erstes nach dem Namen, und dann nach Eigenschaften. Wir haben schon oft gesagt, dass man uns nicht an Eigenschaften unterscheiden kann…

„Ah, und was für ein Gefühl repräsentieren Sie?“ – HÄ???
Auch in Erstgesprächen: Auf die Erklärung, dass wir Viele sind, folgt meistens die Frage: „Können Sie sich beschreiben?“ oder „Wie heißen die?“ oder, auch niedlich: „Kennen Sie sich alle?„, „Wie Viele sind Sie denn?

In einer Klinik, in der wir 2016 waren, wurden wir bis zum Ende in Gefühlszustände: „Die Glückliche mit bunter Kleidung“, „die, die schwarze Kleidung trägt“, usw. eingeteilt. Trotz unserem Protest, Erklärungsversuchen, Betonungen und Erklärungen von uns, dass wir mehr als ein „Gefühlszustand“ sind, dass wir Personen sind mit jeweils einem Gefühlsspektrum.
Jeder Mensch hat doch ein Lebensgrundgefühl – darauf würde man ihn aber nie reduzieren… ebensowenig auf die Kleidung, das ist einfach… entwürdigend? Für uns fühlt es sich objektifizierend an, und das hatten wir für dieses Leben genug.
Wenn O. in einer Stunde war und ich ein anderes Mal die Kleidungsfrage entscheiden durfte, gibt es einen ganz bestimmten Blick beim Gegenüber: „Oh… das ist jetzt also jemand anderes, spannend!“ – aber ohne das auszusprechen. Es ist mehr so ein Zucken in den Augenbrauen. Ich kann es ja auch verstehen – das eine Mal in bunter Öko-Hippie-Kleidung, dann unscheinbar, und dann schwarz mit Rüschen und Nieten. Mittlerweile lasse ich das meistens. Denn in solchen Momenten fühle ich mich als komplettes Klischee.

Aaah, Sie sind also der Gothic. Dann sind Sie sicher auch sehr traurig. Ja, so jemanden hat ja jeder Klischee-Multiple!“ xD

Neee. Und so höre ich leise, heimlich meine Musik und habe das Gefühl, mich noch weniger zeigen und ausdrücken zu können, als vor unserer Diagnose, als ich noch „Ich mit komischen Zuständen“ war…

L.

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