Wir „Dunklen“: Täterintrojekt oder Person?

20. Mai, 2019 | Therapie und Aufarbeitungsversuche | 6 Kommentare

Neulich hörten wir bei einem Seminar mal wieder die Frage: 

„Und was kann man machen, um die Täterhörigen dazu zu bringen, die Seite zu wechseln?“ 

Wir haben diese Frage nun schon häufiger gehört – fast immer von Helfer*innen- bzw. Therapeut*innen-Seite. Manchmal auch in Büchern in ähnlicher Form.

Oft wird dabei unterschieden in die „dunkle“ und die „helle“ Seite. Meistens (und wie neulich) wird dies genauer definiert, und zwar als die „böse“ und die „gute“ Seite. Und die „täterloyalen Anteile“ werden oft nur „Täterintrojekt“ genannt.

In der Situation ging es nach einer Antwort auf die Frage ( die zusammengefasst „Kontakt herstellen“ lautete) weiter mit der Frage, wie man diesen Kontakt denn herstellt.

 

Und hier wollen nun WIR, die ihr uns „die Dunklen“ nennt, etwas schreiben.

Es macht uns unfassbar wütend, immer wieder von Menschen, die sich in irgendeiner Form als professionell Helfende bezeichnen, zu hören oder zu lesen, sie würden uns kennenlernen oder helfen wollen. Um dann im nächsten Moment vergessen, ignoriert, oder reduziert zu werden. Das beginnt mit der Bezeichnung, mit den Worten.

Wir sind keine „Introjekte“. Der Duden definiert eine Introjektion als „unbewusste Einbeziehung fremder Anschauungen, Motive o. Ä. in das eigene Ich, in den subjektiven Interessenkreis“. Bereits diese Definition macht deutlich, dass nur ein Subjekt/ ein Mensch/ ein Individuum mit Ich-Bewusstsein ein Introjekt haben kann. Jede_r von uns kann daher Täterintrojekte (nach fachlicher Definition) haben, aber NIEMALS kann jemand ein Introjekt SEIN. Das ist eine völlig respektlose Reduktion.
IHR sprecht von Kontakt, ihr sprecht von Respekt und Gewaltlosigkeit. Dann wäre das ein Anfang.

 

Wir erfüllen die Definition einer Person: „Mensch als Individuum, in seiner spezifischen Eigenart als Träger eines einheitlichen, bewussten Ichs“. 

 

Bei der Frage, wie ihr uns denn auf die „richtige“ Seite „bekommen könnt“, fragen wir uns regelmäßig, für wie stumpf ihr uns eigentlich haltet.


An welchem Punkt hört euer selbsterwähltes Ideal der „Gewaltlosigkeit“ eigentlich auf? An dem Punkt, an dem euer Vorstellungsvermögen zu beschränkt ist, um uns als Individuum betrachten, ergo auch behandeln, zu können? Stimmt, wir sind ja nur „Anteile“, und nur ein ganzer Mensch (einer, der sein Hirn alleine benutzt und bewohnt) verdient den Status „Mensch“ und damit das Recht, respektvoll behandelt zu werden.
Doch ihr sprecht doch ständig vom „Kennenlernen wollen“. 
Nur um dann schnappatmungsmäßig bereits bei der „Umerziehung“, bei der „Veränderung“ angekommen zu sein.

 

Euer Begriff der Seiten impliziert, es gäbe diese, unsere „böse“, ach so gewaltvolle Seite, und dann noch eure „gute, heile Welt“, die so gewaltlos ist, richtig? Und dann fresst ihr euer Steak, da ihr Tiere als minderwertig und nur Euch dienend betrachtet (aus welcher Ideologie kommt einem das bekannt vor?), sitzt da mit Euren Klamotten, die mit Gift gefärbt wurden, das euch nie in den Augen stach, benutzt euer Handy, an dem Blut anderer Menschen klebt, ignoriert die Zerstörung eurer Lebensgrundlage und die Folgen der Kolonialisierung, die bis heute die Machtverhältnisse auf dem Planeten festschreiben.  

Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Euer moralisches Überlegenheitsgefühl, das wir im Kontakt mit etlichen Außenmenschen spüren können, wenn ihr mit, vor allem aber über uns sprecht, KOTZT UNS AN. 

 

Wir haben Dinge erlebt und gesehen, von denen ihr zum Glück nicht einmal alpträumen müsst. Eure ach so lieben, naiv-freundlich-harmlosen „Alltagspersonen“ (Manch einer möchte sie gar zum „Host“, zum „Chef des Systems“, zum „eigentlichen Ich“ erklären…) sind deshalb nicht „täterloyal“, weil sie die Täter nicht einmal erinnern können. Sie wissen nichts von ihrer Herkunft, nichts von ihren Aufgaben, und sie sind genau dafür da – damit ihr sie unschuldig und freundlich, unauffällig finden könnt.

 

Ihr überseht nur immer wieder: Wir „Bösen“ im System sind auch die, die dafür verantwortlich sind, dass diese Alltagspersönlichkeit überhaupt mit euch redet. Wir „Täterloyalen“ sind auch die, die Brüche gesehen, die Dinge hinterfragt haben, die verbotene Schritte unter Lebensgefahr gehen und die Konsequenzen dieses Handelns tragen.

 

Wir „Täterintrojekte“, die ihr auf eine kleine, hirnlose Kopie der Täter reduziert, bis wir kein Recht auf eigenes Empfinden mehr haben, sind auch die, die sich von genau diesen Tätern abgegrenzt haben – sonst würde niemand des Systems auch nur ein Wort mit euch sprechen.

Ihr verdankt uns, dass ihr mit den „Guten“ sprechen könnt.

 

Und nein, wir sind keine homogene Masse. Es gibt bei uns Personen, die viel oder wenig wissen. Es gibt Achtung vor manchen Menschen, die ihr „Täter“ nennt, aus verschiedensten Gründen, so wie wir manche Menschen verachten und für unfähig halten, die ihr ebenso „Täter“ nennt. Es gibt bei uns Personen, die Gewalt aus den unterschiedlichsten Gründen befürworten oder ablehnen oder für die es schlicht Mittel zum Zweck ist. So wie für euch in eurer „gewaltlos“ sinnlose Kriege führenden Welt finanzielle Interessen scheinbar jedwede Einigung auf niederste Menschenrechte unmöglich machen.

 

Ihr habt solch eine Angst, Parallelen zu uns zu sehen oder Parallelen „eurer“ guten Welt zur „Parallelwelt“ organisierter Gruppierungen (die in Wirklichkeit ein Teil eurer Welt und keine Parallelwelt ist) zu erkennen, dass ihr künstlich in hell und dunkel, „gut“ und „schlecht“ einteilt, Schwarz-Weiß denkt und alle Vielfalt negiert.

 

Wir, die wir hier schreiben, schreiben NICHT für „alle Dunkle“. Es tut uns leid, dass es kompliziert und damit offensichtlich anstrengend für euch ist, differenziert zu sein. Ihr könnt die einzelnen Individuen in Systemen von Viele-Menschen nicht in Kategorien packen.

Wenn ihr sie, wenn ihr uns aus dunklen Bereichen, kennenlernen wollt, müsst ihr genau das tun: uns KENNENLERNEN. 

Es wäre leichter, wenn man Sätze sagen könnte wie „Täterloyale sind ja immer soundso und finden Gewalt alle total geil und verstehen von unserer Welt alle nichts.“

Ja, das wäre einfach. Aber es ist Bullshit. So wie jeder Satz, der mit „Ausländer sind…“ anfängt, nur Mist werden kann. Mit einer Aussage über eine Gruppe kann man NIEMALS Aussagen über Individuen treffen. Die meisten von euch sind doch Psycholog*innen – müsstet ihr diesen banalen Grundsatz nicht aus der empirischen Forschung beherrschen?

 

Manche Werte unterscheiden sich, andere sind zumindest der Aussage nach gleich – Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit beispielsweise.
Warum erleben wir euch Menschen, die in einer „gewaltfreien Welt“ sozialisiert wurden, so selten als wirklich ehrlich und wahrhaftig?

 

Und: der Kontakt beginnt bereits, wenn ihr noch am über uns reden seid. Wir hören Euch.

Wenn ihr uns abwertet, belächelt oder (zu was eigentlich genau?) bekehren wollt, noch bevor ihr uns kennt – wenn ihr so tut, als würdet ihr uns kennen, noch bevor ihr jemals mit uns gesprochen habt – dann kann es passieren, dass wir euch schlicht nicht kennenlernen wollen.

Einige von uns haben enorm viel dafür getan, eine Welt zu verlassen, alles aufzugeben und ja, auch „Gutes“ verloren, um nun in dieser „euren“ Welt zu leben.

Doch wir sind nur Geister. Wir scheinen in eurer Welt oft keinen Platz zu haben. So viele Fragen könnten wir beantworten, doch werden nicht gefragt. Während wir zusehen, wie ihr diese Themen mit anderen diskutiert, die nie dabei waren, die davon nichts wissen können.

 Und die wenigen, die mit uns sprechen oder nach uns fragen, tun das oft wie mit einem kleinen debilen Kind, dem man die Welt erklären muss.

 

Wenn ihr uns kennenlernen möchtet, dann tut es so, als wären wir Menschen, die in einem Umfeld aufgewachsen sind, das sich von eurem stark unterscheidet. Nicht mehr, nicht weniger. Seid achtsam, umbedingt authentisch, und unvoreingenommen. Zieht in Betracht, dass ihr Neues erfahren könntet, statt nur uns „eure“ Welt zu erklären und uns zu bekehren.

 

Wenn ihr von Gewaltlosigkeit redet und mit uns ernsthaft einen Austausch über Weltanschauung haben wollt, dann hinterfragt euch selbst genauso kritisch wie das, was Menschen sagen, die ihr „Täter“ nennt, ohne sie zu kennen. Habt eure Haltung und eure Werte, aber könnt sie auch begründen und bleibt standhaft.

 

Redet nicht darüber, dass ihr uns „auf Augenhöhe begegnen“ wollt. Seid auf Augenhöhe, dann ist das spürbar, und ihr müsst es nicht mehr behaupten.

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