Leiden ist ein Luxus, den man sich leisten können muss

21. Aug, 2018 | Innenwelten und das Leben drumrum | 8 Kommentare

In den letzten Nächten, beziehungsweise eher den Morgen- bis Mittagsstunden, die ich zumindest etwas schlafen konnte, gab es chaotische Träume.
Heute Morgen gab es zum Glück keine konkreten Erinnerungen, nur ein eklig-zerknautschtes Gefühl beim Aufwachen. Emails kamen an, ein paar der Blogs denen ich folge haben Artikel veröffentlicht. Ich lese und nicke, ja, kenn ich, kann ich nachvollziehen. Irgendwelche fremden Personen im Internet drücken stellvertretend für mich die Gefühle aus, die ich nicht habe.

Heute Nacht war ein Moment des Alleine-seins. „Wenn jemand mag, kann sie/ er rauskommen oder was schreiben“, sage ich in das Innen hinein. „Und dann? Du wärst überfordert. Ihr müsst eure Arbeit erledigen. Jetzt emotional zu werden würde nichts bringen.“, kommt es aus ihm zu mir heraus. Sie haben recht. Was bringt es mir, etwas zu spüren, oder was bringt es einem Innen, sich auszudrücken, wenn darauf nichts folgen kann oder schlimmstenfalls Alltagsstabilität gefährdet wird.
Und warum sollte jemand mit mir kommunizieren, wenn ich sowieso nichts halten kann, mit allem überfordert bin? Und da auch keine Therapeutin ist, die zumindest in meiner Idealvorstellungwunschtraumhoffnung jemand wäre, die das hält?
Ich gab also der, die mir geantwortet hatte, Recht. Ich weiß, dass sie recht viel weiß vom Innen. Und dass meine naive „Einladung“ mal wieder darauf basierte, dass ich nichts weiß, sondern bagatellisiere, ein „Irgendwie ist Innen schlimm“ denke, von dem ich aber keine konkrete Vorstellung habe, außer in den Momenten akuter Überflutung oder Flashbacks, wenn mich jemand von Innen teilhaben lässt.

Die anderen mitzubekommen wäre ein Luxus, der erst in äußerer Sicherheit überhaupt möglich wird. Ich, als Außenperson, bin im Luxus scheinbarer Sicherheit aufgewachsen. Daher ist Sicherheit für mich definiert als das, was ich grade habe: in einem „friedlichen“ Land wie Deutschland leben, keine existenzielle Armut, sondern Essen/ Trinken/ warmes Wasser/ eine Wohnung haben, grade sogar Sommer (auch wenn mir das relativ egal ist, während ich die Wohnung fast nie verlasse), keine äußeren Bedrohungen, die eine echte Gefahr darstellen.
Nur, die Innenpersonen empfinden das anders, also würde ich, hätte ich mehr Kontakt, natürlich merken, dass meine Definition von Sicherheit anders ist. Da ich nicht die Traumatisierungen erfahren habe, die diese Innenpersonen erlebt haben, wird bei mir auch nichts getriggert – bei ihnen eben schon. Da es doch nur ein Gehirn ist, beeinflusst es auch mich, das macht sich dann bemerkbar mit einem unfassbar hohen Stresspegel zur Zeit, keinem Appetit, Schlaflosigkeit, Lähmungsgefühle und einer ungeheuren Anstrengung beim Versuch, zumindest ein paar Pünktchen meiner To-Do-Liste abzuarbeiten.
Für die Innenpersonen sind äußere Anforderungen nur abgleichbar mit Erfahrungen, die sie gemacht haben im Kontext der Gewalt.
Und dieser Kontext geht auch auf, wenn jemand von Innen mitbekommt, dass etwas geleistet werden muss, das dann überprüft / bewertet wird.
Mein Kontext ist: okay, sind keine schönen Situationen, ich bin vom Urteil anderer abhängig und die Kriterien für dieses Urteil sind höchst intransparent, und das fühlt sich eklig an. Aber es ist nicht lebensbestimmend. Ich habe bei Arbeiten schon versagt, mindestens in der Schule, und habe es überlebt, ja, halte selber von Noten ja nichtmal was und gebe dem kein solches Gewicht.
Nur mein Kontext ist eben nicht ihr Kontext.
Daher bringt es auch nichts, wenn ich mir meinen Kontext wieder und wieder erzähle, die Angst bleibt, denn die Angst ist von anderen, und auf deren Kontext bezogen. Der vermutlich beim Thema Leistung, Ver.Urteilung, Be.Wertung ganz anders aussieht. Und vermutlich das Gefühl existenzieller Bedrohung sehr wohl rechtfertigt. Die Frage ist ja auch, wie viel bekommen sie mit vom Außen? Was kommt wo bei wem Innen an? Nur die Info, dass im Außen gerade eine Leistung erbracht werden muss? Oder auch, dass es nur um eine relative Nichtigkeit geht?

Manche Hohen im Innen werden über das Außen Bescheid wissen, aber gerade jüngere Innens vermutlich nicht so richtig. Überhaupt ist es ja auch ein Ziel der Spaltung, dass zwar Außenpersonen nichts vom Innen mitbekommen, aber auch der Großteil der Innenpersonen nichts oder nicht viel vom Außen. So können dort niemals die alten Überzeugungen und Beigebrachtes überprüft werden.

Um die äußeren Anforderungen hinter mich zu bringen, muss ich diese Spaltung wieder verdrängen und mich auf die nächsten paar Dinge konzentrieren, so gut das geht.
Denn etwas zu fühlen und dann etwas im Außen nicht zu schaffen, was wieder Gefühle erzeugen würde, das hat irgendwie auch keinen Sinn…
und so wird die Aufarbeitung mal wieder nach Irgendwo, Irgendwann, Vielleicht verschoben, und auf das Wunschtraumbild einer hoffentlich bald irgendwo irgendwann beginnenden Therapie.

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