Untröstlichkeit

7. Jul, 2018 | Innenwelten und das Leben drumrum | 0 Kommentare

Im Podcast zum Thema Viele-Sein sagte jemand, dass es keine Möglichkeit gibt, sich irgendwie besser zu fühlen, wenn man die Realität der erlebten Gewalt realisiert und das unaushaltbar ist – weil es kein Ziel gibt, wie es einem gehen sollte. Das hat hier tief berührt, denn es ist so wahr. Wie würde es einem gehen, wenn es „besser“ wäre? Das geht eigentlich nicht.

Sobald man die erlebte Gewalt realisiert, das heißt eine Emotion dazu hat, ist man untröstlich, unaushaltbar traurig. Aber was sonst wäre eine angemessene Emotion? Andere Trauer über Ereignisse ebbt womöglich mit der Zeit ab, oder wird seltener.
Aber diese Gewalt sprengt zum einen jeden, aber wirklich jeden Rahmen, es ist nicht die eine Vergewaltigung, die man womöglich irgendwann überwinden kann… und zum anderen hängt automatisch eine Realisation des Heute dran, das Fühlen davon, wie kaputt, zerfleddert, zersplittert, zerstört wir sind. Und dass das Ausmaß so groß ist, dass es niemals ein Besser geben wird, sondern nur einen verbesserten Umgang, ein Daneben-stellen von anderen Dingen, die im Leben auch möglich sind. Wie bei einer chronischen Schmerzerkrankung, bei der der Schmerz niemals weniger wird, man lenkt sich nur immer wieder mehr oder weniger erfolgreich davon ab.
Das Besser ist im Prinzip eine Illusion, die man braucht, um weiterleben zu können mit „alledem“.

Wenn die Untröstlichkeit fühlbar ist, gibt es keine andere Möglichkeit, als sie irgendwann wieder zu dissoziieren, zu verdrängen… es gibt an der Stelle keine Entwicklung, kein neues Gefühl, das an die Stelle treten kann. Wie die Wut und Verzweiflung über manche Tode sich zum Beispiel in eine leise Trauer wandelt.

Grade wird mir bewusster, dass mein Nicht-Fühlen keine Option ist, auch wenn es unangenehm ist. Es ist die meiste Zeit notwendig. Ich hoffe seit 10 Jahren drauf, dass sich dieses Nicht-Fühlen in Fühlen wandelt, aber mir wird klarer, dass das niemals passieren wird, nicht an dieser Stelle der Realisation. Denn immer wenn eine Lücke entsteht, wenn ich fühle, dann bin ich in einer Krise. Es geht gar nicht anders. An der Stelle gibt es keinen Trost, keine Linderung, also ist das Gefühl krisenhaft, bis es erneut abgespalten werden kann.

Anders ist es bei Teilaspekten. Selbstfürsorge. Trost oder Mitgefühl bei Nebenschauplätzen. Mit der Hoffnung, dass das dabei hilft, mit dem anderen, dem unveränderbaren Großen, irgendwie leben zu können.

Das sagte eine später im Podcast: als sie sich entschieden hat, weiterzuleben, war klar, dass sie dann alle diese Dinge tragen muss. Das gehört dazu…

Wenn ich sage, dass ich mehr spüren, mich spüren will, dann geht das nur aus einer Position heraus, in der ich die Realität dessen, was ich spüren würde, würde ich alles spüren was da ist, völlig leugne.
Wie natürlich fast immer. Und 95% muss ich nicht aktiv leugnen, weil es abgespalten und mir gar nicht erst zugänglich ist. Würde ich die Emotionen zu meiner Geschichte fühlen, würde ich es nicht ertragen und mich aufspalten – so wie wir eben aufgespalten sind.

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